Globale Finanzmarkkrise und Neue Verkehrsregeln für die internationalen Finanzmärkte

Worum geht es?

Es geht um den Zusammenbruch der internationalen Finanzmärkte, um das Platzen der zweiten großen Spekulationsblase: nach der Internet-Blase kommt jetzt die Hypotheken-Blase.

Und der Finanzmarkt hat Auswirkungen auf die Realwirtschaft. Das genau das ist eigentliche Problem.

Nur etwa 3-5% des weltweiten Geldverkehrs wird zur Absicherung von Waren und Dienstleistungen benötigt – der „Rest“, also 95-97%, dient ausschließlich der Spekulation.

Und dass dieses System mal zusammenbrechen muss, das hat schon vor vielen Jahren ein berühmter deutscher Philosoph aus Trier gesagt. Hat er wirklich.

Ich möchte aber hier und jetzt weniger verdächtige Zeitgenossen zitieren:

„Das Kartenhaus einer virtuellen Finanzwelt ist zusammengebrochen“ – sagt Norbert Blüm, ehemaliger BM für Arbeit und Sozialordnung, der nicht der SPD abgehört. Sein Parteifreund Heiner Geisler stellt derweil in Talkshows kapitalismuskritische Thesen auf, die selbst noch Andrea Nahles und Ottmar Schreiner verblüffen dürften. „Es wird nie wieder so sein wie vorher“ – das sagen viele.

Hilmar Kopper, der Ex-Deutsche Bank-Chef und Urheber des „Peanuts-Zitats“, spricht von der Gier der Anleger, „die den Hals nicht voll kriegen“ – und meint damit die vielen kleinen Leute, die ihr Erspartes in kürzester Zeit merklich vergrößern wollten. Er selber habe für sich immer nur konservative Anlageformen gewählt. Frage an Herrn Kopper: Warum hat er seine Anlagenberater denn mit den „windigen Angeboten und undurchsichtigen Finanzderivaten“ – wie Helmut Schmidt sagen würde – auf die vielen Kunden losgelassen? Warum hat er die Verantwortung nur für sein eigenes Geld wahrgenommen und nicht auch für die Kunden?

Apropos Verantwortung

Liberale und Neoliberale, Konservative sowieso sprachen viele Jahre und mit aller ideologischer Härte und Sturheit von der Selbstverantwortung und Selbstkontrolle der Finanzmärkte und geißelten Regulierung und Versuche für stärkere Kontrolle der internationalen Finanzmärkte als „linkes Geschwätz“, als Anfang vom Ende des Standortes Deutschland im globalen Markt.

Jetzt wird nach staatlichen Finanzhilfen gerufen, nach Regulierung durch den Staat, ja einige angeschlagene Banken scheinen direkt um Verstaatlichung zu betteln.

Wir haben hier einmal mehr festzuhalten: Gewinn wird privatisiert – Verlust sozialisiert. Und das ist nicht gut so!

Was hat Franz Müntefering sich anhören müssen, als er die aktuelle Debatte vor einigen Monaten mit dem Schlagwort „Heuschrecken“ auf den Punkt brachte. Ja, er hatte recht. Und wie recht er hatte. Und es sind nicht nur die US-amerikanischen Hedgefonds, sondern eben auch hiesige Kreditinstitute wie die Deutsche Bank, die wegen eines kurzfristigen Renditeziels nach dem Motto „25% müssen es schon sein“ locker vom Hocker 5.000 Arbeitsplätze vernichtet. Ihr Manager, denkt an den alten Ford, der sagte: „Autos kaufen keine Autos“. Und das meint: nur in einer intakten Volkswirtschaft können Unternehmen Waren und Dienstleistungen produzieren, die dann auch von Konsumenten gekauft werden.

Wo war und ist denn die bundesrepublikanische Wirtschafts-Elite, die das nicht wusste oder – was in meinen Augen wahrscheinlicher ist – trotz dieses Wissens der Verlockung des schnellen Geldes erlag, im übrigen ja auch bei Landesbanken? Aufsichtsrat der Firma B ist Vorstand der Firma A, und ungekehrt. Hat das was mit wirklicher Kontrolle zu tun? Und dann diese Rating-Agenturen. Wem gehören die und wer kontrolliert die? Die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident, der war auch mal Weltbankpräsident, kritisieren jetzt Managergehälter und mahnen Haftung von Vorständen und Aufsichtsräten an. Mal sehen, ob den Worten auch Taten folgen…

Hat die Finanzmarktkrise auch was Gutes?

Der Börsengang der Deutschen Bahn AG ist gestoppt worden. Ich denke, dass wird wohl erst nach der Beruhigung der Finanzmärkte wieder in Angriff genommen. Und das wird dauern.

Die Debatte um Privatisierung im Bereich der kommunalen Daseinsvorsorge – die SPD führte vor einiger Zeit eine öffentliche Veranstaltung zu diesem Thema mit Ortwin Runde durch – bekommt neue Impulse. Und zwar eindeutig im Sinne der Re-Privatisierung, also der Rückführung von kommunalen Aufgaben in die öffentliche Hand.

Ein starker Staat ist wohl doch besser als ein schwacher, sehr geehrter Herr Westerwelle. Der kann nämlich die Risterrente besser sichern. Die US-amerikanischen Rentner, die jetzt im hohen Alter wieder arbeiten gehen müssen, weil die Renditen der Pensionsfonds dramatisch eingebrochen sind und den Lebensunterhalt nicht mehr absichern können.

Die Finanzkrise wird hoffentlich auch eine dringend notwendige Grundsatzdebatte über unser Gesellschaftsmodell auslösen – hoffe ich wenigstens – denn die Finanzkrise ist auch eine Kulturkrise.

Dazu und zum Schluss wieder Norbert Blüm, dessen Ideen ich ebenso kritisch-konstruktiv einordnete wie gleichsam unrealistisch für ihre Partei die CDU, von der CSU ganz zu schweigen:

„Das Realprinzip Arbeit und damit Wertschöpfung und Produktion realer Güter und Dienstleistungen ist der Kern jeder soliden Wirtschaftordnung. Das wusste auch der „Erfinder“ der Marktwirtschaft, Adam Smith. Arbeit ist die Quelle des Wohlstandes der Völker“, ist die Kernthese seines Hauptwerkes.

Eine Gesellschaftsordnung, die um ein bodenloses Finanzkapital kreist, hat den Menschen aus dem Blick verloren. Ankerlos vagabundiert ein in der Produktionssphäre überschüssig gewordenes Finanzkapital um die Welt und destruiert die reale Wirtschaft. Der Finanzmarkt hat sich von den Realitäten entfernt und hat sich in ein reines Überbauprodukt verflüchtigt. Er haust in virtuellen Höhen, gespeist aus Marketing und Arroganz, Gehirnwäsche und abgebrühter Gerissenheit. Gesucht wird der Rückweg zu den Substanzwerten und weg von den Illusionsblasen eines Finanzmarktes, der sich von der realen Arbeit emanzipiert hat.“

Und etwas später: „Das Kapital wird nur im Bündnis mit der Arbeit eine Zukunft haben“.

Autor

Rainer Wiebusch
Vorsitzender SPD Alt-Hohenschönhausen

Reaktionen ausdrücklich erwünscht an: rainer.wiebusch@spd-lichtenberg.de

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