Nur wer heute ausbildet, hat auch morgen qualifizierte Fachkräfte und kaufkräftige Konsumenten

I.

Was muss geschehen, damit Jugendliche, die idealerweise alle ausbildungsfähig und ausbildungswillig sind, einen Ausbildungsplatz erhalten? Dies scheint eine der entscheidenden Schlüsselfragen für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft zu sein.

Von den richtigen Antworten wird insbesondere abhängen,

  • ob wir unseren Lebensstandard auf hohem Niveau werden halten können,
  • ob der Innere Friede sicher sein wird,
  • ob die parlamentarische Demokratie als beste Gesellschaftsform auch künftig von der überwiegenden Mehrheit akzeptiert wird,
  • ob wir in einer gerechten und solidarischen Gemeinschaft Beispiel gebend auch für künftige Generationen werden leben können und damit auch einen Beitrag gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit werden leisten können.

II.

Zunächst eine kurze Antwort vorweg, auch mit bundesweitem Blick: Die Wirtschaft in die Pflicht nehmen, den nationalen Ausbildungspakt weiterentwickeln, Einstiegsqualifizierung von Jugendlichen mit schlechteren Startchancen verbessern, Ausbildungsplatzprogramm Ost weiterführen und Aushöhlung des Jugendarbeitsschutzes verhindern.

In ca. 10 bis 15 Jahren (es gibt auch Prognosen, die diese Entwicklung bereits in 5 Jahren sehen), wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen, werden wir einen Arbeitskräftemangel haben, dann werden wir nur im Wettbewerb bestehen können, wenn wir heute vorausschauend über den aktuellen Bedarf ausbilden. Diese Erkenntnis muss in die Entwicklung von Unternehmenszielen einbezogen werden.

Die neue OECD-Studie stimmt nicht wirklich optimistisch. Für unser Land wird die Zukunftsfähigkeit in Frage gestellt, u.a. weil wir in den Bereichen schulische Bildung, berufliche Ausbildung, Fach-/Hochschulausbildung und Weiterbildung Defizite haben. Das bedeutet (nationalen) Handlungsdruck.

III.

Die Antwort aus Sicht des Bezirkes Lichtenberg und des Landes Berlin fällt länger aus. Die Aspekte sind vielschichtig, die Maßnahmen greifen ineinander. Und wir brauchen Durchhaltevermögen.

  • Der Kindergarten ist zur Bildungseinrichtung auszubauen, weil insbesondere der Spracherwerb im Alter zwischen 3 und 8 Jahren besonders leicht fällt. Und Sprachen werden in Zukunft an Bedeutung erheblich zunehmen und zu einer Schlüsselqualifikation werden. Darum ist die Entscheidung der SPD Berlin und deren Aufnahme in das Regierungsprogramm von Klaus Wowereit, zunächst das dritte, dann auch das zweite und erste Kita-Jahr gebührenfrei zu gestalten, ein Schritt in die richtige Richtung. Einen beispielhaften Vorreiter gibt es bereits in Rheinland-Pfalz.
  • Der aktuelle Datenreport 2006 sagt u.a. aus, dass immer noch die wirtschaftliche Lage der Eltern wesentlich die schulische Laufbahn der Kinder bestimmt. Und dass ein Arbeiterkind eine vierfach höhere Chance hat, ein Gymnasium zu besuchen, wenn es einen Kindergarten besucht. Somit ist die Kita-Kostenfrei-Idee auch ein richtiger, ja notwendiger Schritt in Richtung Chancengleichheit.
  • In der Schule müssen die Perspektiven für die künftigen Berufsoptionen deutlicher mit den Schülerinnen und Schülern erarbeitet werden. Es führt nicht immer der Weg zum Studium. Die qualifizierte Ausbildung zum Gesellen, dann evtl. Meister (man bzw. frau kann sich ja jetzt auch in vielen Berufen ohne Meisterbrief selbstständig machen). Hier müssen Schulen viel stärker als bisher bzw. überhaupt erst mal mit Wirtschaftsverbänden kooperieren. Hier bei uns gibt es solche Kooperationen schon; der Wirtschaftskreis hat eine Arbeitsgruppe „Jugend & Wirtschaft“ ins Leben gerufen.
  • Die schulische Ausbildung muss sich künftig stärker an den Bedürfnissen der Berufswelt orientieren. Hierüber müssten wir länger diskutieren, weil die Schule schon ihren komplexeren Bildungsauftrag behalten sollte (hohe Allgemeinbildung, Selbstbewusstsein, starke Persönlichkeit, Lernen lernen). Dabei helfen Praktika (auch im Ausland) zur besseren Orientierung und Qualifizierung.
  • Es ist wohl eine Tatsache, dass zu viele Schulabgänger nicht ausbildungsfähig sind; manche reden von 20%, andere von bis zu 60%. Das allein ist ein abendfüllendes Thema, hier ist der Dialog mit Lehrerinnen und Lehrern zu suchen.
  • Örtliche Unternehmen, die verantwortungsbewusst über den eigenen Bedarf ausbilden, müssen stärker unterstützt werden. Das Kolumbus Hotel ist ein gutes Beispiel. Das bedeutet persönlichen Einsatz und auch „Klinkenputzen“ der politisch Verantwortlichen.
  • Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz finden, müssen ein alternatives Angebot erhalten: Qualifizierungsmaßnahme, (bezahltes) Praktikum etc.
  • Wenn die Appelle an die Unternehmen nicht fruchten und die Einsicht, dass heute auszubilden ist, weil sonst morgen (oder in 10 bis 15 Jahren) die qualifizierten Arbeiter fehlen, dann lautet das letzte Mittel „Ausbildungsplatzabgabe“. Aber das ist wirklich mit (großer!) Vorsicht zu genießen. Nur: Weniger als 25% der Betriebe bilden heute überhaupt noch aus. Das geht so nicht.
  • Auch müssen wir übergangsweise außerbetriebliche Ausbildungszentren und Arbeitsförderungsgesellschaften als Instrument nutzen, um wirklich jedem Jugendlichen, der ausbildungsfähig und ausbildungswillig ist, die Möglichkeit zu einer Ausbildung zu ermöglichen. Dabei ist zu verhindern, dass sich Unternehmen aus der Verantwortung stehlen und weiter Ausbildungsplätze abbauen. Das Ausbildungs-programm Ost stellt hier jährlich 90 Mio. € bis 2009 zur Verfügung. Es ist dafür zu sorgen, dass die Bundesmittel auch in Lichtenberg eingesetzt werden. Förderprogramme für ausbildungswillige Kleinunternehmen mit weniger als 4 Beschäftigten durch Übernahme der Entlohnung in den ersten beiden Ausbildungsjahren sollten geprüft werden.
  • Zu fördern ist die angewandte Forschung an den Fachhochschulen, insbesondere die, die in Kooperation mit Unternehmen Ideen entwickelt, Patente anmeldet und dann zur Marktreife entwickelt. In diesem Umfeld entstehen auch viele kleine Betriebe, es ist durchaus eine Perspektive, sich selbstständig zu machen. Das Verständnis hierfür kann und muss früh in der Schule entwickelt werden.
  • Im zweiten Quartal 2006 gab es in Berlin 12.700 Gewerbeanmeldungen! Neben „Mut zum Sprung in die Selbstständigkeit“ müssen hierfür auch die notwendigen Qualifikationen und realistischen Einschätzungen vermittelt werden; das sollte in der Schule einen breiteren Platz einnehmen. Und die Politik schafft bessere Rahmenbedingungen wie preiswerte Gewerbemieten (bei landeseigenen Objekten), zinsgünstige Kredite, Abbau der Bürokratie etc.
  • Die Arbeitsagenturen sind noch nicht alle auf dem optimalen Informations- und Beratungsstand angekommen. Hier gibt es noch Entwicklungspotenziale.
  • Wichtig ist auch, dass die unterschiedlichen Bildungseinrichtungen, die Arbeitsagentur, Behörden, Firmen, Verbände, Freien Träger besser zusammen arbeiten und die Maßnahmen besser abstimmen. Als Lenkungsgremium ist sehr gut eine bezirkliche „Leitstelle Zukunft Jugend“ vorstellbar, die sich über Grenzen der Zuständigkeit an Sachthemen orientiert – der Rahmen ist mit dem Projekt „besser leben“ ja bereits vorgegeben.

Autoren

Dietlind Tessin, Claudia Wiebusch, Rainer Wiebusch, Fritz W. Wolff

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