Von der SED zur SPD
Wir begrüßen Sylvia-Yvonne Kaufmann in der Lichtenberger SPD. Sie hat einen achtbaren Lebensweg zurückgelegt, auf dem sie immer für ihre politischen Ziele eintrat. Mit beträchtlicher Konsequenz verließ sie eher Die Linke, als sich dort wieder verbiegen zu lassen. Das fiel ihr nicht leicht, denn immerhin war sie dort Stellv. Bundesvorsitzende und langjährige Europaabgeordnete. So viel Rückgrat verdient Respekt. Für die SPD ist sie ein Zugewinn an politischer Kompetenz.
Dazu erschien in der Berliner Woche Ausgabe 34. KW am 19. August folgender Beitrag:
Alt Hohenschönhausen, Sie war 14 Jahre lang Mitglied der Partei von Erich Honecker, später dann in der PDS und der Linkspartei. Nun ist Sylvia Yvonne Kaufmann in der SPD angekommen – eine Entwicklung, die ohne Mauerfall nie denkbar gewesen wäre. (Volltext im Pressespiegel…)
Die SPD ist offen für politisch interessierte Menschen, die sich heute zu den Grundwerten der Sozialdemokratie bekennen, auch wenn sie bisher eine andere politische Heimat oder eine Vergangenheit in der DDR hatten. Dieser Grundsatz gilt bei uns schon sehr lange, im Gegensatz zu öffentlich immer wieder falsch kolportierten, angeblichen Aufnahmesperren. Das betrifft auch mich (Andreas Geisel) selber, denn auch ich fand auf Umwegen zur SPD.
Mein Vater erhielt durch die DDR die Chance, 1950 im Alter von 21 Jahren zum Abteilungsleiter in der Möbelindustrie aufzusteigen, in einem Dorf bei Dresden. Die DDR hat dann dafür gesorgt, dass er sein Abitur ablegen und studieren durfte. Er war später in Leitungsfunktionen bei der Deutschen Post beschäftigt und durfte zeitweise sogar im Westen Verhandlungen führen. Die DDR war sein Leben. Sie gab ihm die Chance, von einem Lehrling mit 8 Klassen Volksschule zum Diplom-Ingenieur aufzusteigen, sein Dorf zu verlassen und in der Hauptstadt Berlin zu arbeiten. In diesem Geist wurde ich erzogen, aus einer solchen Familie komme ich. Liebevoll und gebildet, gut umsorgt, ohne Mangel und sozialistisch geprägt.
Unmittelbar nach meinem Schulabschluss stellte ich im Alter von 17 Jahren den Antrag Mitglied der SED zu werden. Da befand ich mich gerade im Internat in Neubrandenburg, das mein Vater für mich ausgesucht hatte, damit ich in seine Fußstapfen trete. Danach studierte ich in Dresden an der Hochschule für Verkehrswesen, die mein Vater ebenfalls für mich ausgesucht hatte. Dort hatte ich kluge und unabhängige Lehrer, die ab 1987/88 eine lange Diskussion zu Glasnost und Perestroika in der DDR begannen. Das faszinierte mich, denn es schien mir den Idealen des Sozialismus viel näher zu liegen, als die verkrustete Sicht des Politbüros. Ich rannte mit Gorbatschow-Buttons herum und führte Reden, die mir damals recht wild, mutig und rebellisch vorkamen. Das endete damit, dass vom ZK der SED eine Untersuchungskommission nach Dresden geschickt wurde, um dort aufzuräumen. Mein Professor wurde von der Hochschule entfernt und durfte sich “in der sozialistischen Produktion bewähren”. Und meine Mitstudenten und ich wurden ebenfalls gemaßregelt. Als dann im April 1989 die DDR-Volkskammer das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking mit lang anhaltendem Beifall begrüßte, bin ich gemeinsam mit zwei Freunden aus der SED ausgetreten – vor der Wende und mit 22 Jahren.
Insofern ist meine SED-Zeit vor allem eine Zeit des Erwachsenwerdens und der Loslösung vom Elternhaus. Der Beginn des selbstständigen Denkens und der selbstständigen Entscheidungen. Ich bin nicht stolz darauf, aber ich kann und will mich auch nicht dafür schämen.
Ich hatte im Westfernsehen immer Helmut Schmidt und Herbert Wehner bewundert und mir gesagt, wenn ich zufällig im Westen geboren wäre, dann wäre ich auch in der SPD. Nach dem Fall der Mauer habe ich die SPD erst aus der Ferne begleitet. Nach der verlorenen Volkskammerwahl und der verlorenen Bundestagswahl bin ich dann im Dezember 1990 in die SPD eingetreten, weil ich meinte, jetzt sei es an der Zeit etwas zu tun.
Hier in der SPD treffen sich viele Menschen mit den unterschiedlichsten Lebenswegen. Aus der kirchlichen Oppositionsbewegung kommend, aus DDR-nahen Elternhäusern wie ich oder aus der Linkspartei wie Sylvia-Yvonne Kaufmann, aus anderen Bundesländern nach Berlin gezogen oder gerade mit 19 Jahren eingetreten. Uns alle eint unser Engagement für eine demokratische, sozial gerechte Gesellschaft. Uns alle verbinden die Grundwerte der Sozialdemokratie: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität.
Andreas Geisel, 20. August 2009






