Kevin Einenkel

Das Demokratie-Meisterwerk: Ein guter Kompromiss

Zwei Generationen der SPD Lichtenberg im Interview

von Viktoria Jeske (Abteilung Friedrichsfelde-Rummelsburg) und Mélanie Reuter (Abteilung Karlshorst)

Warum bist du in die SPD einzutreten?

Anton: Ich wollte auf jeden Fall irgendwann in eine Partei eintreten. Ich dachte mir, jetzt machst du erstmal dein Abitur fertig. Dann ist es doch anders gekommen.

Jutta: Bei mir war es ein bisschen anders. Ich bin in der DDR groß geworden, war da in keiner Partei oder irgendetwas. Dann kam 1990 die Wende und ich dachte: Du müsstest dich engagieren. So richtig wusste aber ich nicht, wo ich mich hinwenden soll. Und dann kriegte ich eines Tages eine Einladung von der SPD Lichtenberg und da bin ich dann hingegangen.

Jutta (Fraktionsvorsitzende der SPD Lichtenberg) und Anton (Vorsitzender der Jusos Lichtenberg) im Generationen-Gespräch.

Wann war euer allererstes Wahlkampfjahr?

J: Das erste Wahlkampfjahr war 1994. Was ich gelernt habe, war, dass wir auf die Straße gehen, dass man keine Angst haben soll vor den Leuten. Und da haben wir ja noch die Plakate selber gemacht.

A: Ich bin ja erst 2017 nach der Bundestagswahl in die Partei eingetreten. Dementsprechend war mein erstes richtiges Wahlkampfjahr 2019 zur Europawahl. Was ich wahnsinnig faszinierend fand:  Mit welchem Spaß und Engagement in diesen Wahlkampf gegangen wurde.

Wie hat sich für euch der Bezirk in den letzten zehn Jahren verändert?

A: Ich wurde zehn Jahre nach der Wende geboren. Ich weiß noch, wie das in meiner Kindheit noch alles aussah. Wenn ich überlege, was da in den letzten Jahren für Geld geflossen ist und was da alles gebaut worden ist an Straßen, Gebäuden oder auch Bahnhöfen.

J: Wenn ich mir überlege, wie Lichtenberg 1990 aussah, wie die Häuser aussahen, wie man da drin gewohnt hat, und dann die Schornsteine, die überall geraucht haben. Das ist ja nun alles viel besser. Als mein Sohn hier groß geworden ist, hat er auf dem Hof gespielt, da war nichts anderes. Und als ich jetzt mit meinen Enkelkindern durch die Gegend ging, habe ich festgestellt, wie viele Spielplätze wir haben. Das gab es damals nicht.

Könnt ihr euch an einen konkreten Moment erinnern, wo ihr gedacht habt, dass hier zwei Generationen aufeinandertreffen?

J: Ich glaube, das war, als Anton sich als Mitglied für die Bezirksverordnetenversammlung vorgestellt hat. Da war ich so ein bisschen von oben herab. Da habe ich mir gedacht, nimm dich mal ein bisschen zurück.

A: Ich habe mich für Fahrradwege stark gemacht und Jutta hat dazwischengerufen: „Das sehe ich ja genauso. Sag mir nur, wo das Geld herkommen soll und dann machen wir das!“ Ich war noch 19 und dachte mir, ja toll, wenn man sich hier anfängt zu engagieren und gleich wissen soll, wo das ganze Geld herkommen soll! Da müssen wir ja nicht in die Politik gehen.

Welche Form der Unterstützung wünscht ihr euch?

J: Meine Themen sind die Stadtentwicklung, öffentliche Ordnung und Verkehr. Viele Leute sagen: Wir brauchen Wohnungen, aber doch nicht bei mir! Und das ärgert mich sehr. Diese Leute gucken aus dem Fenster auf eine grüne Wiese, die darf nicht bebaut werden. Aber nebenan die Wiese, die schon. Wir müssen mehr Solidarität von den Leuten einfordern und das ist schwierig.

A: Ich habe auch mal das Gefühl, dass auch viele junge Menschen wenig kompromissbereit sind, vor allem auch in den etwas linkeren Lagern. Ich habe das auch selbst an mir erlebt. Eine Zeit lang fand ich alles außer der SPD komplett blöd. Aber ich glaube, dass man das auch wieder lernen muss, dass es andere Meinungen gibt und dass das legitime Meinungen sind. Deshalb haben wir ja die Demokratie, um das zu diskutieren und am Ende zu beschließen. Ein guter Kompromiss ist ja eigentlich das Meisterwerk der Demokratie.

Ein Artikel aus dem Stadtblatt von Mai 2021